Die praktische Umsetzung der Calceologie

Unsere Sammlung besteht ausschliesslich aus Rekonstruktionen die sich auf seriöse Untersuchungen stützen weshalb wir auch eine historische Authentizität garantieren. Das Rekonstruieren ist der abschliessende Teil wissenschaftlich fundierter Untersuchungen archäologischer Artefakte. Ziel der Übung ist vorerst ein Objekt durch den Nachbau zu verstehen.

Investigative Reinigung und Erstaufzeichnung

Vergleichbar mit forensischen Methoden der wissenschaftlichen Polizei geht es darum, einen Vorgang oder eine Situation anhand gesicherten Spuren und Hinweise wiederzugeben. Es handelt sich um die Entschlüsselung der in teilweise zerstörten Rückstände des Objekts enthaltenen Informationen.

 

Die Untersuchung beginnt bei der Reinigung der Fragmente. Heikle Zusammenhänge die eine noch so schonende Reinigung nicht überstehen könnten werden sofort erkannt und dokumentarisch gesichert. Jedes Fragment wird nach einer etablierten Norm einzeln aufgezeichnet.

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Diese Norm ermöglicht unterschiedliche Nahtspuren, Natur der Fragmentränder und sonstige Spuren zeichnerisch zu sichern. Diese Aufzeichnungsnorm hat sich in Expertenkreisen Europas soweit ausgebreitet. Sie erleichtert das gegenseitige Verständnis zeichnerischer Notizen der registrierten Erstaufnahmen.

Sämtliche Fragmente werden systematisch aufgezeichnet und mit Notizen über tierische Herkunft oder besonderen Beobachtungen ergänzt. So entsteht ein Vorkatalog in welchem die einzelnen Fragmente noch ohne genauere Zusammenhänge aufgezeichnet sind.

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Dreidimensionale Modelisierung

 Die Teile des Zusammensetzspiels werden aus einem Kopiesatz der Erstaufzeichnungen herausgeschnitten. Mit Hilfe dreidimensionaler Papiermodelle sucht nach zusammen passenden Teilen und ermittelt fehlende Partien. So entstehen 3-D Modelle aus Papier die wir „Geisterschuhe“ nennen. Diese können bereits als Zeichnungsvorlagen dienen oder werden säuberlich auseinander genommen um Schnittmuster für Rekonstruktionen zu erstellen.

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Die Rekonstruktion

Rekonstruktionen werden nur mit damals verfügbaren Mittel hergestellt. Anders ausgedrückt um einen römischen Schuh nachzubauen braucht man römisches Werkzeug. Dazu sind auch Recherchen früherer Werkzeuge, Hilfsmittel und Techniken nötig. Oft sind mehrere Anläufe nötig bis eine kohärenter Reproduktion entsteht.

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Das Objekt gilt als Informationsträger. Die Kunst des Calceologen ist solche Informationen zu entziffern. Die Rekonstruktion ist nicht das eigentliche Ziel sondern nur ein Mittel zur Erlangung solcher Kenntnisse. Nachdem die Geheimnisse der Herstellung gelüftet sind bleiben noch praktische Fragen über Gebrauch und Abnutzüng.

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Die Kryptologie der Schuhe

Manche Rekonstruktionen werden in härtesten Bedingungen unter verschiedensten Wetter- und Geländebedingungen getestet, manchmal sogar hyperrealistisch nachvollzogen. Dabei entstandene Abnützungen können wiederum mit jenen der Originale verglichen werden.

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Da es sich bei Schuhen um sehr persönliche Gegenstände handelt kommt es vor das deren Träger seine Spuren darin hinterlassen hat wie Beispielsweise der hier gezeigte Abdruck eines kranken Fusses des 16. Jahrhunderts.

Damals wie heute unterliegt der Schuh einem ständigen modischen und stilistischen Wandel. Wissen sie noch wie die Schuhmode vor zehn Jahren aussah? Die Calceologie ermöglicht Anachronismen zu umgehen wie dieses Beispiel römischer Legionäre in Doc Martens® und Nike® Schuhen.

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